Tagebuch Coronakrise Woche 1

Tagebuch eines Hochzeitsdienstleisters während der Corona-Krise Woche 1

Montag: Mein Bauchgefühl ist am Morgen schon in Alarmbereitschaft, etwas Unheilvolles liegt in der Luft. Jeder, der es bisher noch nicht begriffen hat, wir stecken in einer Krise durch Corona ungeahnten Ausmaßes. Am frühen Nachmittag bringt mein Brautpaar das Sweet Table Equipment von seiner Hochzeit zurück. Wir freuen uns nochmal gemeinsam über dieses gelungene Fest.

Um 16 Uhr kommt die Lawine ins Rollen…..

Dienstag: Seit gestern 16 Uhr habe ich innerhalb von nicht mal 24 Stunden 8 Stornierungen bzw. Anfragen zum Verschieben von Hochzeiten bekommen. Auch die restliche Hochzeits-Hochsaison steht mehr als auf der Kippe. Ich stehe wie neben mir, als jemand, der zu schaut wie seine Existenz und das was in 15 Jahren mühevoll aufgebaut worden ist, innerhalb von kürzester Zeit völlig unverschuldet dem Abgrund entgegen rast.

Eigentlich möchte ich nur noch heulen, mich ins Bett legen und mir die Decke über den Kopf ziehen. Ich bin ratlos, untröstlich, verzweifelt, überfordert, frustriert, verängstigt…. Ein Trost, der eigentlich kein Trost ist, all meinen liebsten Kollegen in der Hochzeitsbranche geht es 100 % genauso. Dieser Tag, des tiefsten Tiefpunkts meines (bisherigen) beruflichen Lebens.

Mittwoch: Vielleicht fühlt sich so eine Depression an? Alles fällt mir unfassbar schwer, als ob der Cornavirus (obwohl ich gar nicht infiziert bin!) mir jetzt schon sämtliche Energie entzogen hat. Meine Familie gibt alles, um mich wieder aufzubauen. Mittags merke ich wie wie die Schockstarre langsam abfällt. Nun gilt es Lösungen zu finden, für meine Brautpaare und mich.

Einige Anrufe später bei Krankenkasse und Steuerberater habe ich erste “Maßnahmen” zur Rettung von suess-und-salzig eingeleitet. Als Mensch voller Ideen und Tatendrang, merke ich wie gut es tut, nicht länger nur Spielball der Ereignisse zu sein, sondern pro aktiv zu werden.

Donnerstag:  Ein wunderschöner Frühlingstag, morgens kaufen wir für uns und meine Eltern ein. Der viel gerühmte Gemeinschaftssinn? Wenn es um Toilettenpapier und Co geht , Fehlanzeige. Insgesamt finde ich das unangebrachte und sorglose Verhalten vieler erschreckend, nicht nur das, nein mehr als das, es macht mich kolossal wütend. #stayathome ist doch mehr als nur ein Hashtag.

Den Tag verbringe ich überwiegend am Schreibtisch, das Handy in Dauerbenutzung spreche ich mit vielen engen Freunden/Kollegen, das tut unfassbar gut, wir sitzen alle in einem Boot.

Meine Stimmung wechselt alle 10 Minuten von “irgendwie packen wir das” und “riesen großem Weltschmerz”! Mein Kopf glüht, ich bin weder Psychologe noch Rechtsanwalt, es ist eine unfassbare Herausforderung eine “gerechte” Lösung mit meinen Brautpaaren zu finden. Enttäuschung, Frust, Angst und viel Geld sind im Spiel… nicht gerade einfache Bedingungen um gemeinsam eine gute Alternative zu finden! Aber ich versuche es wirklich und die meisten meiner Brautpaare auch!

Abends kommt auch unser Sohn nach Hause, seine Firma ist nun die nächsten Wochen zu, es ist so tröstlich. Wir 5 wieder unter einem Dach, alle drei “Kinder” wieder zu Hause bei Mama:-), mein Mutterherz ist darüber mehr als glücklich!

Freitag: Draußen eine wunderschöne frühlingshafte Atmosphäre, die Vögel zwitschern um die Wette, alles blüht. Wie kann es so friedlich aussehen, wenn unsere Welt gerade in dieser Krise steckt, 1000 de Menschen weltweit unter Sauerstoffmasken um ihr Leben ringen? Kurz erlaube ich mir den Gedanken, dass wir heute in zwei Wochen unsere langersehnte Südafrikareise, mit dem Lebenstraum einer Safari, angetreten hätten. Reise weg, viel Geld weg, schnell nicht mehr dran denken, es nicht mehr zu ändern und es gibt deutlich schlimmeres in diesen Tagen…

Bilder von einem Konvoi Militärfahrzeugen voller Leichen schieben sich vor mein geistiges Auge, werden wir hier bald italienische Verhältnisse haben?

Das Kompromisse finden mit meinen Brautpaaren geht weiter, mein Kopf fühlt sich vom vielen Grübeln schon an wie ein überhitztes Kraftwerk.

Meine Tochter hat mich auf eine Idee gebracht, diese Zeit sinnvoll zu nutzen, ein zartes kreatives Pflänzchen fängt wieder an zuwachsen, vielleicht bald mehr dazu…

Samstag: Mitten in der Nacht bin ich völlig verwirrt aufgewacht, habe meinen Mann geweckt, um ihn zu fragen ob ich das mit der Coronakrise geträumt habe, oder ob das wirklich gerade passiert…

Im Emailfach am Morgen wartete dann eine extrem persönliche und liebevolle Nachricht einer ehemaligen Braut des letzten Jahres auf mich, kleine Gesten können einen so glücklich machen!

Dieses Wochenende wollten wir mit unseren Freunden angrillen, und das letzte hochzeitsfreie Wochenende für viele Monate genießen. Auch wenn die Sehnsucht nach dem persönlichen Austausch mit Menschen, die man mag, mir besonders fehlt gerade jetzt, treffen wir uns natürlich nicht!!! Einmal mehr wird mir bewusst, was es besonders in diesen Zeiten für ein Luxus ist, ein eigenes Haus mit Garten zu haben.

Das kleine Kreativprojekt mit meiner Ronja läuft an! Schöne, süße Dinge gestalten ist meine Passion, daran ändert auch Corona nichts. Selber aktiv zu werden, ist das mir schon immer am meisten geholfen hat aus einem Loch wieder rauszuklettern!

Sonntag: Die erste Nacht dieser Woche in der ich nicht stundenlang wach lag, sondern einigermaßen gut geschlafen habe. Der Morgen startetet mit selbst gebackenem Hefezopf.

Mein heutiges Gedankenkarussell:

Wenn unser Gesundheitssystem als eines der besten der Welt in Gefahr ist zu kollabieren, welche Szenarien werden sich in den Entwicklungsländern abspielen.

Wie wird unsere Welt heute in einem Jahr aussehen?

Werden wir uns durch die Krise langfristig wirklich in unserem Miteinander verändern?

Schokolade, Marzipan und Früchtepüree sind zwar keine Grundnahrungsmittel, aber davon habe ich verdammt viel gelagert.

Morgen werden wir nochmal im Krankenhaus anrufen, vielleicht können wir dort irgendwelche organisatorischen Hilfsarbeiten übernehmen, Zeit haben wir ja jetzt reichlich.

Wie schrecklich muss es sein, wenn man jetzt alleinstehend ist, diese verordnete Einsamkeit stelle ich mir grauenvoll vor.

Es wartet wohl noch ein langer Weg auf uns alle.

Die erste Woche Coronakrise ist geschafft. Wie lange werde ich dieses Tagebuch führen, Wochen oder gar Monate? Die Fragezeichen über unser aller Alltag sind riesig. Wir sind wohlauf, dass ist das erst mal das Wichtigste überhaupt.

Bleibt gesund! An dieser Stelle ein riesengroßes DANKESCHÖN für alle da draußen in “systemrelevanten” Berufen!

love is sweet

Heike

Foto von Angelika & Arthur /Die Hochzeitsfotografen

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