Die verdammte Wahrheit

Eine Branche kurz vor dem Ertrinken

Die verdammte Wahrheit! Ehrliche Worte darüber, wie es sich gerade anfühlt ein Soloselbstständiger in der Corona-Pandemie zu sein.

Darf man in diesen Zeiten überhaupt noch sagen, wie schlecht man wirklich gerade drauf ist? Mal so richtig jammern, rumheulen und abkotzen?

Danach ist mir nämlich schon lange zu Mute!

Lautstark verkünden, wie sehr einem diese Pandemie zusetzt? Mental und wirtschaftlich? Zu sagen, wie unfassbar angestrengt man seit Monaten, Tag für Tag strampelt. Wie man kämpft, versucht optimistisch und positiv zu bleiben, innovativ, zugewandt für alle Probleme, auch für die Verschiebungs- und Stornowünsche der Kunden…


Irgendwie schäme ich mich fast dafür, dass mein Stimmungspegel häufiger nach unten als nach oben zeigt. Ehrlich gesagt, ich kenne diese Person, die ich gerade bin, selber manchmal nicht mehr. Die Leichtigkeit im Leben, sie macht seit Monaten eine Pause, hat sich davongeschlichen, an ihrer Stelle ist eine unerträgliche Ungewissheit eingezogen.


Oh ja, gibt es immer die Menschen, denen es gesundheitlich und finanziell noch deutlich schlechter geht als einem selber. Das weiß ich, und ermahne mich täglich zu Dankbarkeit und Demut (ein Wort dessen volle Bedeutung mich erst die Pandemie gelehrt hat).

Meine Kinder sind schon so selbstständig, dass ich beim Thema Homeschooling (sorry heißt ja jetzt Distanzlernen, macht die ganze Sache gleich viel besser, Ironie aus) raus bin! (Dem Himmel sei Dank dafür!)

Es gibt immer noch eine Person in diesem Haushalt, die regelmäßig Geld verdient, und das ist mein Mann.

Trotz allem gehe ich auf dem Zahnfleisch, eine tiefe Erschöpfung hat mich erfasst…

Für die Außendarstellung einer Firma soll alles möglich positiv, optimistisch, frisch und fröhlich sein. Gerade die Hochzeitsbranche lebt von Liebe, Vorfreude, Glück und Sonnenschein! Schwermütige Gedanken sind hier fehl am Platz.

heike Krohz/suess-und-salzig

Aber was ist, wenn einem in diesem seit fast 12 Monaten andauernden Marathonlauf so langsam die Puste ausgeht? Wenn einem das Herz schmerzt und der Kopf raucht, weil alles wofür du 15 Jahre lang hart gearbeitet hast, gefühlt dem Erdboden gleichgemacht wird?

Wenn Tatkraft, Können, Ehrgeiz und Wille zum Durchhalten dir dieses Mal gar nichts nützen? Du ein Spielball der Situation und der Auflagen der Politik bist und du außer Aushalten, Regeln einhalten und Geduld haben, selber nichts zur Verbesserung der eigenen Lage machen kannst?

Wenn dein Gedankenkarussell sich Tag und Nacht dreht, um die Frage, wann darf ich wieder normal arbeiten? Wann wird es überhaupt wieder möglich sein, dass Feste und Hochzeiten, die nun mal das Fundament meines Business sind wieder halbwegs “normal” stattfinden können. Damit meine ich einen Rahmen, der es möglich macht ansatzweise wirtschaftlich zu arbeiten, was Gesellschaften unter 25 Personen leider nicht hergeben.


Ja ich bin tatsächlich superfrustriert und gleichzeitig stinkesauer! Mein Verstand sagt mir selber wie unnötig und absolut nicht zielführend das ist. Vergeudete Energie, dem eigentlichen Übeltäter, das Coronavirus sind meine Befindlichkeiten sch… egal.

Der einzige Trost, den ich finde, ist das Wissen, dass es gerade so vielen meiner Kollegen ähnlich geht. Wir alle strampeln wie ertrinkende auf der Suche nach dem Rettungsring auf hoher See. Nach außen hin setzten wir die Smily-Maske auf, aber innen drin tobt seit März ein permanentes Auf und Ab von Hoffnung, Enttäuschung und tiefer Verzweiflung.

Mag sein, dass dieser Text theatralisch auf dich wirkt, und gute Laune macht er auch nicht. Vielleicht habe ich auch nur das falsche “Mindset”;-)?!

Aber so ist gerade meine verdammte Realität, und die 1000der anderer (Solo)Selbstständiger ebenso.

Novemberhilfe? Das Wort ein Witz, wenn Mitte Februar noch keine Zahlung erfolgt ist. Dezemberhilfe noch ein größerer Witz, wenn man plötzlich dokumentieren muss, dass man tatsächlich wegen Corona keine Umsätze mehr erwirtschaftet… Kerngeschäft Hochzeiten? Sowas gibt es, ja, und muss erstmal akribisch aufgezeigt werden. Dabei komme ich mir vor wie ein Schwerverbrecher, der seine Unschuld beweisen muss.

Sehr geehrte Regierung, ich bin verdammt oft für Sie in die Bresche gesprungen die letzten Monate. Habe Ihre Entscheidungen verteidigt, geschlichtet und um Verständnis geworben. Den 1. Lockdown mitgetragen, den Lockdown-Light, und nun den 2. Lockdown. Immer mit der Konsequenz, dass mein volles Auftragsbuch danach nicht mehr als eine Kladde mit durchgestrichenen, stornierten oder immer wieder verschobenen Aufträgen gewesen ist.

Nein, auch Sie als Politiker sind gerade in keiner beneidenswerten Lage.

Am eigenen Leib zu erfahren wie wenig man als (Solo)-Unternehmer zählt, der keine milliardenschwere Lobby hinter sich hat (ich sage nur TUI, Lufthansa, DFB und Autoindustrie). Das hat nicht nur an dem Image der Politik dieses Landes gekratzt, sondern erschüttert mich in meinen Grundfesten!

Heike Krohz/suess-und-salzig

15 Jahre habe ich korrekt Steuern gezahlt. Und das nicht wenig, denn ich habe ein sehr rentables Unternehmen geführt. Nicht einen Cent schwarz abgerechnet, mir einen eigenen Arbeitsplatz geschaffen und aufgebaut, “nebenbei” noch drei Kinder großgezogen. Wo ist die Wertschätzung dafür?

Ist das gerecht? Das die einen sich in dieser Krise die Taschen wie nie vollschaufeln können und die anderen mit nichts dastehen?

Mir ist klar, dass umfangreiche Feste feiern während einer Pandemie nicht wirklich funktioniert. Das es zurzeit schwer bis unmöglich ist vorauszusagen, wann es wieder realisierbar ist, das Menschen in größerem Rahmen (Hochzeit) feiern können.

Aber was ich und viele meiner Kollegen in der Hochzeitsbranche zu Recht erwarten, sind vernünftige Hilfsprogramme! Deren Auszahlung erfolgt, bevor wir alle insolvent sind. Mit der Schließung unserer Branche, der Hochzeitsindustrie, tragen wir mit dem uns auferlegten Arbeitsverbot und dem damit verbundenen Einbruch von rund 80 % aller unserer Umsätze seit März 2020 einen großen Beitrag für die Gesundheit und das Gemeinwohl bei. Dafür müssen wir riesige persönliche und finanzielle Opfer bringen, die wirklich unsere Existenzen bedrohen.

Deswegen sollten wir fair behandelt und adäquat entschädigt werden!

Heike Krohz

Inhaberin von suess-und-salzig

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